Reportage

One day in… Napoli

Eine Mischung aus verrückt und charmant, genau das ist Neapel. Diese Stadt in einem Tag kennenlernen? Unmöglich! Dennoch gibt’s hier ein paar wertvolle Tipps für einen außerordentlichen Tagestrip in Neapel.

Giuseppe
Giuseppe, Redaktion

Leute, ich war kürzlich in Napoli und muss euch was erzählen: questa città è completamente pazza (diese Stadt ist absolut verrückt). Dennoch: Ich bereue es zutiefst, dass ich auf meinen Trip durch Süditalien mit meiner Freundin lediglich einen Tag für diese Stadt eingeplant habe. Klar, jeder Neapolitaner weiß sofort: Diese Stadt kannst du nicht in nur einem Tag kennenlernen – und dennoch möchte ich mein Erlebnis mit euch teilen und euch erzählen, wie ihr mindestens einen schönen Tag in einer der historischsten Städte der Welt verbringen könnt. Kleiner Spoiler: Wir hatten das Glück, einige Tipps von einem langjährigen Local zu bekommen.

Auto, Vespa oder zu Fuß

In dieser Stadt bewegt man sich IMMER auf eigene Gefahr. Aber fangen wir mal chronologisch an. Neapel war der letzte Teil unserer Italien-Reise, und eine Sache haben wir direkt gemerkt: Das Auto sollte man getrost stehen lassen oder gar nicht erst mieten! Wer deutsche Straßen gewohnt ist, hat’s in Neapel definitiv schwer. Im Kreisverkehr und vor jeder Kurve schießen die Rollerfahren links und rechts an einem vorbei. Auf endlos langen Hauptstraßen sprinten plötzlich Fußgänger auf die Straße und in beidseitig befahrenen Einbahnstraßen gilt das Gesetz des Stärkeren.

Kurzum: der Straßenverkehr ist, vorsichtig ausgedrückt, sehr eigen. Also geht’s am besten zu Fuß weiter. Aber auch da merken wir schnell, dass Zebrastreifen eher nur der Verschönerung des Straßenbildes dienen und auch grüne Ampeln nur auf eigene Gefahr überquert werden... Wahnsinn! Und doch auf eine irgendwie kranke Art und Weise charmant. Lange Rede, kurzer Sinn: Fortbewegung ist kompliziert, aber jetzt kommen wir endlich zu den Tipps.

Napolicity 1

Start your day right

Das Gute an Italien im Allgemeinen: Italiener haben eine regelrechte Obsession für perfekten Espresso – und in Neapel ist das erst recht so. Für mich als Italiener ist es daher immer wieder ein Segen, wenn ich mich auf eine Sache verlassen kann: Egal, in welchem Laden ich mir meinen notwendigen Koffeinschock hole, es ist nie die falsche Wahl. Darin hat mich Neapel auch wieder bestätigt.

Espresso

Und für mich gäbe es drei perfekte süße Begleiter dazu: Sfogliatella (Blätterteiggebäck mit Ricotta-Füllung), Babà (ein in Rum getränktes Hefegebäck) oder ein Cornetto alla Crema (italienisches Croissant mit Vanillecreme), worauf auch meine Wahl gefallen ist. Kann ein Tag besser starten? Ich denke nicht! Bevor wir aber weitergehen, gibt’s noch einen netten Side Fact zum Babà, das in Neapel auch Teil einer wichtigen Redewendung ist. “Si nu’ Babbà”, ja hier mit Doppel-D, ist in der neapolitanischen Sprache der Ausdruck für eine hilfsbereite und herzliche Person. Solltet ihr also je einem Neapolitaner etwas schenken oder ihm, wobei auch immer, helfen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er genau das zu euch sagen wird.

Die Stadt unter der Stadt

Neapels Stadtbild ist einmalig. Einmalig chaotisch und viel zu verbaut. Um dem zu entfliehen, könnt ihr nach der wichtigen Espresso-Stärkung einfach nach unten flüchten. Versteht ihr nicht? Da kläre ich euch doch gerne auf. Viele wissen gar nicht, dass knapp 40 Meter unter dieser Stadt noch eine Stadt liegt – und diese könnt ihr heute für einen 10er pro Person besichtigen. Auch, wenn es eine klassische Touristen-Nummer ist: es lohnt sich – und die Tour gibt’s auch mit einem englischen Guide

In den unterirdischen Tuffsteinhöhlen erfahrt ihr richtig viel über die Geschichte der Stadt. Vom Wasserspeicher zur Zeit der Römer bis hin zum Bunker, um sich vor den Bombardements im zweiten Weltkrieg zu schützen, wurden diese Höhlen mit einem Wegenetz von knapp 80 Kilometern unterschiedlich genutzt. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde dieser Schauplatz auch für illegale Prostitution oder als Waffen- und Drogenlager der Mafia genutzt. Ihr seht also: Da unten steckt viel Geschichte drin. Nächster Spoiler: Solltet ihr Platzangst haben, ist es an einigen Stellen etwas brenzlig, da man sich für bestimmte Räumlichkeiten durch knapp 50 cm breite Spalte durchzwängen muss. Aber keine Angst: Diese Parts kann man auch weglassen. Daher empfehle ich es wirklich ALLEN!

Napoliunterirdisch

Pizza auf die Hand oder Mittag im Lokal

Nach dem Leben unter Tage muss natürlich auch die erste richtige Stärkung her. Hierfür habe ich nun zwei wirklich wichtige Tipps für euch. Zunächst einmal einen unscheinbaren Laden in der Piazza Trieste: die Antica Pizza Fritta da Zia Esterina Sorbillo. Berühmt für die frittierte Pizza, die allerdings nicht in Fett, sondern in heißem Wasser gebacken wird. Ich habe mich allerdings für einen anderen Klassiker entschieden. Eine Pizza Margherita, und jetzt haltet euch fest: für zwei Euro! Wo kriegt man heutzutage noch so geiles Essen für zwei Euro? Zwei Euro, Alter! Meine Freundin und ich sind fast vom Glauben abgefallen. Und wir reden auch nicht über eine Mini-Variante…

Dennoch hatte ich eigentlich eine andere Adresse auf dem Zettel. Nicht, weil ich noch Hunger hatte, aber gerade in Neapel wollte ich unbedingt mal ein richtig gutes Ragù essen – das ist übrigens eine rote Fleischsoße, die ihren Geschmack durch einen besonders schonenden aber sehr langen Kochprozess bekommt. Geschafft habe ich das im Tandem Ragù. Ein echt hipper Laden, der Neapolitaner und Auswärtige gleichermaßen beherbergt, bei dem ihr aber unbedingt eine Reservierung braucht. Wer allerdings genauso sehr wie ich auf rote Soßen mit richtig zartem Fleisch steht, kommt da nicht drum herum.

Ragu

Siesta oder Sightseeing?

Good to know, wenn ihr in Italien Urlaub macht: Dringliche Dinge solltet ihr bis 12:30 Uhr erledigt haben, denn sonst wird’s erst am frühen Abend wieder was. Nach Mittag startet hier die Siesta-Time. Für einen Touri wie mich bieten sich da zwei Möglichkeiten an: Den Italiener raushängen lassen und ein wenig pennen oder aber Sightseeing. Neapel hat viele tolle Schlösser und Kirchen zu bieten, so dass man die Zeit vor Ort im Grunde effektiv nutzen muss. Meine Freundin und ich haben uns für eine Kombi aus Beidem entschieden. Schließlich wollten wir uns nicht zu sehr stressen. In solchen Momenten kommt dann doch irgendwie der Italiener in mir durch. Also ging’s einfach ein wenig durch das Univiertel und durch die Altstadt mit all den schönen, engen Gassen, Osterias und Bars. Auch eine gute Möglichkeit, Neapels Charme ein wenig näher zu kommen.

Shopping & Mangiare

Am frühen Abend gab’s dann eine kleine Shopping-Unit in der Altstadt. Gerade meine Freundin konnte sich da austoben, denn die Italiener haben für Frauen richtig viel gute Kleidung, die eben nicht wie von der Stange aussieht – und dennoch nicht teuer ist. Für mich war es eher ein Sneaker-Paradies, da ich gerade bei italienischen Marken wie Diadora oder Lotto zuschlagen konnte. Kennen in Deutschland meist nur die Fußballer und ergo ist man dann hierzulande einer von sehr Wenigen mit diesen Schuhen – ein Traum! 

Danach hieß es aber nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel einmal mehr: Essen! Original neapolitanisch sollte es sein. Die Empfehlung, die wir bekommen hatten: La Taverna di Santa Chiara in der, welch Wunder, Via Santa Chiara. Ich gebe zu, der Name war nicht sehr einfallsreich, der Qualität des Essens tat das aber keinen Abbruch. Hier wurde gespeist wie Gott in Frankreich, nur eben in Neapel. Ich habe mir natürlich ein Pasta-Gericht mit den ortstypischen Scialatielle gegönnt. Was auch sonst?

Scialatielle Quer

Pasta und ich, das passt eben. Ob so ein exzessiver Pasta-Konsum, wie ich ihn habe, gesund ist, kann ich an dieser Stelle nicht sagen – aber darum geht es an dieser Stelle gar nicht. Als Begleitung zum Essen gibt’s einen sehr milden, leckeren Weißwein. Falanghina heißt diese Perle, die wohl erst seit einigen Jahren so etwas wie eine Renaissance erlebt und wirklich zu empfehlen ist. Die schönste Überraschung gab’s aber nach dem Absacker: Der folgende Espresso ging aufs Haus, Jackpot. Auch, wenn wir nur einen Euro pro Person gespart haben, geht’s dabei um die Geste. Es sind eben die kleinen Dinge…!

Kein guter Tag ohne guten Drink

So ein ereignisreicher Tag muss natürlich seinen krönenden Abschluss in einer guten Bar mit einem richtig guten Drink finden. Und hier lege ich euch jetzt das Boof, ebenfalls in der Via Santa Chiara, wärmstens ans Herz. Hier haben meine Freundin und ich den Abend ausklingen lassen – zum zweiten Mal hintereinander. An dieser Stelle kehre ich nochmal zur Einleitung zurück, denn Marco, einer der Besitzer des Boofs, war es, der mir am Vorabend diese ganzen wertvollen Tipps zugesteckt hat. Wir kamen recht spät am Vorabend in Neapel an und hatten uns seine Bar für einen gemütlichen Drink ausgesucht. Ins Gespräch kamen wir sehr schnell und somit auch zu diesen Tipps.

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Marco ist nicht nur ein außergewöhnlich warmherziger Mensch, sondern auch ein wahnsinnig guter Barkeeper, der sein Handwerk in puncto Drinks zweifelsohne versteht. Nachdem ich am Vorabend bereits einen der besten Negronis getrunken habe, an die ich mich erinnere, überraschte er mich diesmal mit einem Old Fashioned der Extraklasse. Jahaaa, Italien ist nicht nur vino! Wir hatten noch eine gute Schlussstunde in der Bar bei intensiven Gesprächen mit Marco.

Und als die Rede dann auf Neapel fiel, hatte er am Ende wohl das treffendste Urteil zur Stadt: „Napoli ist keine Stadt, die du von heute auf morgen in dein Herz schließt. Dazu ist alles viel zu verrückt. Hier wohnt der Polizeiinspektor im gleichen Haus wie jemand, den er für 15 Jahre hinter schwedische Gardinen geschickt hat, und das meine ich wortwörtlich. Diese Stadt musst du einfach verinnerlichen und erleben. Dann merkst du erst, dass es vielleicht nicht die schönste Stadt ist, aber eben auch, dass sie dich nicht mehr loslässt und du gar nicht mehr ohne sie kannst und willst.“ Und eins garantiere ich euch: Es waren nicht nur Marcos Worte, die dafür sorgen werden, dass dies nicht mein letzter Besuch in Neapel war.