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Kolumbien: Zu Besuch auf einer Kakaofarm

Die Kolumbianer lieben ihren Kakao zum Frühstück. Klar, dass wir uns das genauer ansehen wollten. Auf einer Kakaofarm außerhalb Pereiras durften wir Kakaofrüchte ernten und eigene Schokolade herstellen. Unser Fazit: der beste und intensivste Kakao unseres Lebens!

Svenja
Ein Artikel von Svenja

Food-Redakteurin Svenja liebt stundenlange Koch-Experimente. Als Hobby-Selbstversorgerin macht sie viel von der Pike auf selbst & würzt ihre Artikel mit nordischem Flair und How tos.

 Wir sind ca. 30 Kilometer von Pereira entfernt und fahren in die Berge. Was für ein Ausblick: Kaffee- und Bananenplantagen, soweit das Auge reicht! Der Jeep fährt durch unwegiges Gelände, dass es uns nur so durchschüttelt. Dann taucht die kleine biologische Kakao Finca mit dem schönen Namen Hacienda Brisas del Cauca vor uns auf. Fernando, der Finca-Besitzer wird uns heute zeigen, wie Kakao traditionell hergestellt wird. Er begrüßt uns mit frisch gepresstem Orangensaft und zuckersüßen Bananen. 2,5 Kilogramm produziert Fernando pro Jahr. Früher, vor ca. 7 Jahren, als er mit der Kakao-Herstellung startete, hat er noch 100 Tüten Kakao von Hand geröstet, doch inzwischen gibt er sie in die nächstgelegene Rösterei. „Aber mit euch röste ich nochmal, ihr müsst ja sehen, wie das funktioniert“, sagt er. Fernando könnte mehr Kakao produzieren, aber so weit weg von der Stadt fällt es ihm schwer, verlässliches Personal zu finden.

Frisch gestärkt folgen wir Fernando in die Plantagen. Auf dem Weg durch seinen Garten kommen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Was für ein kleines Paradies! Fernando versorgt sich größtenteils selbst und baut neben Kakao auch Kaffee, Bananen, Orangen, Zitronen, Mangos, Mandarinen und vieles mehr an. Das Verrückteste, was wir in seinem Garten entdecken, ist frisch gepflückte, flauschige und strahlend weiße Baumwolle. Hammer! Wenn wir nicht für Kakao gekommen wären, hätten wir glatt Lust unsere eigene Baumwolle zu pflücken und zu einem Pulli zu verarbeiten!

Der Ausblick in Marsella ist kaum zu übertreffen
Wenn die Schale der Kakaofrucht eine rotbraune Färbung aufweist, ist sie erntereif

Dann ist es so weit. Wir stehen mitten in einer Kakaoplantage. Überraschenderweise sind die Kakaobäume gar nicht so groß. Zwar können sie bis zu 15 Meter hochwachsen, aber diese hier haben eine erntefreundliche Größe von zwei bis vier Metern. Fernando erklärt uns, dass der Kakaobaum ganzjährlich blüht. Die Früchte selbst können ca. alle sechs Monate geerntet werden. Er erkennt reife Kakaofrüchte anhand der rotbraunen Färbung. Wenn er sich unsicher ist, klopft er ein paar Mal an die Schale. Klingt sie hohl, ist die Frucht reif. Wir gucken Fernando zu, wie er eine lange, scharfe Machete nimmt und vorsichtig eine Kakaofrucht vom Baum abtrennt. Diese Vorsicht sei wichtig, erklärt er uns, um die Fruchtansätze des Kakaobaums nicht zu zerstören. Schließlich soll das nicht die letzte Kakaoernte sein. Mit einem gekonnten Hieb öffnet Fernando die Kakaofrucht und legt das Fruchtfleisch mit den einzelnen Kakaobohnen frei. Für uns wird ein kleiner Traum wahr: Wir dürfen an einer frisch gepflückten Kakaobohne lutschen – und zwar wirklich nur lutschen! Um die Bohnen befindet sich eine schleimige Hülle, das ist das Fruchtfleisch, das wir probieren dürfen. Auf die Bohne selbst sollen wir nicht beißen, die schmeckt nicht besonders. Aber dieses Fruchtfleisch ... süß-säuerlich wie ein Melonentropfen! In diesem Stadium hat die Kakaobohne einfach noch nichts mit normaler Schokolade zu tun! Wir sind gespannt, wie sich aus diesem fruchtigen Aroma der intensiv schokoladige Geschmack herauskristallisieren wird, den wir alle so kennen und lieben.

Fernando und Olaf mit getrockneten Kakaobohnen
Schon mal Schokolade selbst hergestellt? Wir waren hart geflashed von den intensiven Aromen von frisch zubereiteter Schokolade

Die ersten fünf bis sieben Tage nach der Ernte verbringen die Kakaobohnen im Schatten, um zu fermentieren. Der Schleim darf nicht abgewaschen werden, sondern muss an der Bohne bleiben. Anschließend werden die Bohnen auf einer Sonnenbank verteilt, aber auf die faule Haut legen ist nicht! Die Bohnen müssen immer wieder gewendet werden. Es ist wie beim Risotto kochen: Du musst permanent dabeistehen und rühren, rühren, rühren. Fernando verrät uns, dass es jetzt auf ein geschultes Gehör ankommt, um zu erkennen, dass die Kakaobohnen fertig für die Weiterverarbeitung sind: Er reibt sie zwischen seinen Fingern. Wenn sie perfekt getrocknet sind, knistern sie wie Bonbonpapier. Fernando nickt zufrieden. Jetzt kann es weitergehen: die Bohnen werden geröstet, geschält, geschrotet und anschließend in einer Walze mehrmals gemahlen. Die Kakaonibs, die aus der Walze purzeln, füllen wir in eine Art Fleischwolf und der schokoladige Duft, der sich langsam ausbreitet, verrät uns, dass wir unserem Ziel näherkommen. Und tatsächlich! Unter der Presse tropft eine herrlich buttrige, flüssige Kakaomasse heraus und wir dürfen einen Finger davon kosten. Wow, jesses! Wie so oft auf dieser Reise kommen wir in den Genuss solch überwältigender Aromen, die wir so noch nicht gekannt haben. Diese flüssige Kakaomasse schmeckt intensiv nach Schokolade: Ölig, nussig, Röstaromen ohne Ende und sagenhaft bitter. Fernando grinst in sich hinein. Genau diese Reaktion hat er sich von uns erwartet. Er nimmt die Schüssel mit der flüssigen Kakaomasse, streicht sie portionsweise auf ein Bananenblatt und lässt die Schokolade im Kühlschrank fest werden. Kaum zu glauben, dass das eigentliche Highlight heute noch vor uns liegt: wir dürfen eine Tasse selbst geernteten Kakao trinken! Fernando hat hierfür auf offener Flamme einen Topf Wasser mit Zuckerrohr angerührt und ein paar Schokoladenplättchen hineingeworfen. Der Duft allein ist so intensiv, wie in einer großen Schokoladenfabrik. Und dann der erste Schluck. Einfach überwältigend. Man schmeckt dem Kakao die harte Arbeit und die Liebe zum Produkt an, und wir wissen sofort: Diesen Kakao werden wir nie wieder vergessen!

Die Kolumbianer kochen ihren Kakao mit heißem Wasser und etwas Zuckerrohrsirup auf. Unvergesslich lecker!