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Kolumne

#4 Shinrin Yoku vs. Gärtnern: Waldbaden für Städter

Japanische Forscher beweisen: Ein Waldspaziergang reduziert Stress. Gärtnern auch, da ist sich Redakteurin Svenja sicher! In ihrer Kolumne erklärt sie, wie die neue Therapieform mit Gärtnern zusammenhängt.

von SVENJA STEIN

Ins Grün eintauchen. Tief einatmen. Feuchte Erde riechen und die Hummeln und Bienen bei ihrem täglichen Beutezug beobachten. So in etwa lässt sich mein allmorgendliches Ritual auf dem Balkon zusammenfassen. Wenn ich morgens mit einer Tasse Tee zwischen meinen Balkonpflanzen sitze und vor der Arbeit noch ein letztes Mal nach meinen Gurken und Chilis im Wohnzimmer sehe, dann fühle ich mich ausgeglichen, glücklich und ja, ein bisschen so wie im Urlaub.

Seit ich das Indoor-Gardening-Projekt im Mai begonnen habe, stelle ich mir immer öfter die Frage, warum mich das tägliche Hegen und Pflegen der Pflanzen so zufriedenstellt. Ist es die handwerkliche Arbeit, die mir so gefällt oder die Tatsache, dass ich jeden Tag miterleben kann, wie etwas vor meiner Nase wächst und gedeiht? Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umhöre, gibt es da viele wie mich. Die einen haben ihre Liebe zu Zimmerpflanzen entdeckt, die anderen gönnen sich ein Haus mit Garten, wieder andere arbeiten an Urban-Gardening-Projekten in der eigenen Nachbarschaft, pachten einen Schrebergarten in der Stadt, vergrößern ihren Gemüsegarten oder sind Imker geworden.
Was ist es, das da so behutsam und leise in uns allen wach wird? Ist es die Sehnsucht nach mehr Natur in unserem Alltag?

Ins Grün eintauchen ...

Erholung in der Natur: Shinrin Yoku

Vor kurzem bin ich auf ein Thema gestoßen, das dieses Phänomen aus meinem Bekanntenkreis erklären könnte: Es nennt sich heilsames Waldbaden (Shinrin Yoku). Wer spontan an zugedröhnte Hippies denkt, die mit geschlossenen Augen und breitem Grinsen einen dicken Baumstamm umarmen, den kann ich beruhigen. Mit Esoterik hat das Ganze nichts zu tun, aber dieses Hippie-Grinsen scheint sich tatsächlich zu bewahrheiten. Besagtes Waldbaden fußt nämlich auf der Erkenntnis, dass sowohl das Spazieren durch den Wald und das Betrachten & Berühren der Bäume, als auch das Riechen waldtypischer Gerüche positive Effekte auf unser Stresslevel und unseren Organismus hat.

Shinrin Yoku (auf Deutsch: Wald(luft)bad) stammt aus Japan und ist dort schon seit Längerem eine anerkannte Therapieform. Bereits in den achtziger Jahren bewiesen japanische Forscher in umfangreichen Studien die entspannende Wirkung von Waldspaziergängen. Seitdem ist Shinrin Yoku „on the run“: Egal ob als neuer Forschungszweig, anerkanntes Studienfach, Therapiezentrum oder nationaler Erholungswald – in Japan ist der Wald „the place to be“.

Tief einatmen ...

Die harten Fakten

Yoshifumi Miyazaki ist führender Forscher auf diesem Gebiet. Er erkannte schon früh einen bedeutenden Zusammenhang zwischen Entspannung und Natur. Für seine zahlreichen Studien ließ er Forschungsgruppen u.a. im Wald oder Stadtpark spazieren, Zimmerpflanzen beobachten oder umtopften, Holz berühren oder daran riechen. Um das Stresslevel vor und nach den verschiedenen Tätigkeiten zu dokumentieren, untersuchte er je nach Studie eine Kombination aus folgenden Faktoren:
-    die Höhe vom Stresshormon Kortisol im Blut
-    die Aktivitäten des parasympathischen und sympathischen Nervensystems (das eine steht für Entspannung, das andere für Stress)
-    steigende oder sinkende Pulsfrequenzen
-    steigender oder sinkender Bluthochdruck
-    die NK-Zellenaktivität (= Killerzellen im Blut, die unsere Immunfunktion sichern, z.B. die Abwehr von Infektionen und Tumoren)
-    die Höhe vom Stresshormon Adrenalin im Urin
-    subjektive Empfindungen der Testpersonen

Das Ergebnis: All seine Studien belegten eine positive Wirkung auf unseren Organismus. Der Stress wurde nachweislich reduziert – und das schon bei einmaligem Flanieren durch den Wald! In manchen Fällen konnten die positiven Wirkungen sogar noch bis zu einem Monat nach der Studie im Körper nachgewiesen werden.

Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen: Es reicht, dass Testpersonen Zimmerpflanzen für eine Weile betrachten, um nachweislich mentale als auch körperliche Entspannung zu erleben! Erklärt das nicht, was ich jeden Morgen beim Frühstück auf dem Balkon empfinde und bei anderen beobachte? Doch es geht noch weiter: Miyazaki bewies auch, dass ein Stadtpark die gleiche Erholung für den Organismus bietet wie ein Wald. Und er zeigte, dass uns Menschen das Pflegen von Pflanzen guttut. Wenn nach seinen Forschungen bloßes Pflanzen umtopfen und das Betrachten und Pflegen von Zimmerpflanzen schon nachweislich Stress reduzieren kann, dann dürfte Gärtnern ein ähnliches Rundum-Erlebnis wie Waldbaden sein, das alle fünf Sinne stimuliert. Miyazakis Erkenntnisse würden auch erklären, warum immer mehr Menschen im Hobbygärtnern oder eigenen Schrebergarten Zuflucht suchen. Wer Pflanzen in Heim und Garten täglich hegt und pflegt, riecht und berührt, sät und erntet, tut definitiv etwas für seine Gesundheit, davon bin ich überzeugt. Spart euch Yoga und Autogenes Training – und schafft euch ein paar Pflanzen an! Wer sich inmitten von Pflanzen wohlfühlt, hat bereits den ersten Schritt zu einem entspannteren Alltag gemacht. Abschließend gebe ich euch noch einen Rat von Yoshifumi Miyazaki mit auf den Weg. Wenn es nach ihm geht, könnt ihr nie zu viele Pflanzen um euch herum versammelt haben. Er rät: Viel hilft viel!

Und genießen ...

Ausblick

Nächstes Mal beschäftige ich mich mit dem Fermentieren. Was eure Oma noch aus dem Effeff beherrschte und zwischenzeitlich in Vergessenheit geriet, erfährt jetzt sein Revival. Ich besuche einen Misohersteller in Berlin und will darüber hinaus selbst Sauerkraut und Kimchi herstellen. Wer nicht so lange auf mehr Selbstversorger-Chic warten will, wird hier fündig.