MENÜ
KOLUMNE

Von der Entdeckung einer App gegen Lebensmittelverschwendung

...und das gute Gewissen gibt es gratis dazu! In ihrer Kolumne teilt Redakteurin Alisa ihre Erfahrungen mit einer App – gegen Lebensmittelverschwendung. Denn eins steht fest: Die meisten leben im Überfluss.

von ALISA VOLTERMANN

Es gibt die Arbeitnehmer, die in der Mittagspause aus dem Büro und zum Asia-Laden stolpern, für knappe vier Euro einen großen Teller Bratnudeln runterschlingen und im Anschluss mit einem Mittagstief wieder am Schreibtisch sitzen. Es gibt auch die Kollegen, die sich mit ihrem selbstgeschmierten Wurstbrot, das zur Mittagszeit schon etwas ranzig aussieht, auf eine Parkbank setzen. Manchmal mit und manchmal ohne Mittagstief. Und es mag auch die geben, die gar keine Pause einlegen. Das Kein-Pausen-Prinzip habe ich allerdings noch nicht verstanden.

Und dann gibt es mich. Ich lege in der heiligen Mittagsstunde weder einen Asia-Sprint ein, noch beiße ich in meine am Morgen geschmierten Sandwiches, die in meiner Brotdose auf mich warten. Ne, ne. Ich wandere als Teil einer kleinen Menschenmasse jeden Tag um 12:55 Uhr – das Buffet öffnet um 13 Uhr – in die Küchenstudios. Denn bei uns wird frisch gekocht – von uns für uns sozusagen. Und das ist ziemlich cool! Denn was auf dem Buffet landet, sind all die Rezepte, die wir tagein und tagaus entwickeln. Lebensmittel wegschmeißen? Das schmeckt uns nicht.  

(Im Kampf gegen das ungeliebte Mittagstief gehen wir – dann in eher kleinen Grüppchen – nach dem Essen eine Runde spazieren. Aber das nur nebenbei.)

Ich kann nicht bestreiten, dass in unserer Mittagspause ein food coma ausgeschlossen ist, denn das Essen ist immer (zu) gut.  Die meisten von uns kennen das: Wir leben im Überfluss. Und dieser Überfluss führt dazu, dass gerade das Thema Lebensmittelverschwendung ein fester Bestandteil unserer gesellschaftlichen Diskussionen ist – zurecht. Und ganz ehrlich, auch bei mir landet ab und an sappschiger Salat, schlecht gewordenes Apfelmus oder die letzte Scheibe steinhartes Körnerbrot im Müll. Und ja, das ist schlichtweg scheiße. Ok, Bananen friere ich ein, sobald sie braun und matschig sind und schmeiße sie in regelmäßigen Abständen in meinen Mixer. Immerhin. Aber da muss doch noch mehr gehen. 

Auch nicht zu bestreiten ist, dass Bäckereien, Cafés und Restaurants am Ende des Tages jede Menge gute, aber eben nicht mehr verkäufliche Lebensmittel entsorgen. Brote und Brötchen, Kuchen und Kekse, Tagesgerichte von der Karte – das alles landet in der Tonne.​

Mit dem Mittagessen-für-alle-Prinzip in unseren Studios wird die Verschwendung bei uns auf ein Minimum reduziert. Aber ich brauche ja auch noch Frühstück, Snack, Snack, Snack… und Abendessen. Das versteht ihr sicher. Für meine Rundum-Sorglos-Versorgung auch über den Arbeitsplatz hinaus und für den Versuch, gleichzeitig noch etwas mehr gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu tun, habe ich mir die App runtergeladen.

Bevor ich mich mal wieder in den Welten des Internets verlaufe, um mich über das Konzept meiner neuesten Errungenschaft zu informieren, habe ich beschlossen, dieses Mal einfach loszulegen – ganz unvoreingenommen. Blauäugig wie ich in so mancher Hinsicht bin, setze ich also mit meinem Daumen das unschuldige Häkchen bei den Nutzungsbedingungen meiner neu heruntergeladenen App. Welche App sich auf die Startseite meines Home-Bildschirms gemogelt hat? TooGoodToGo.

Die Idee ist simpel, die Handhabung auch. TooGoodToGo vernetzt über das Smartphone ganz einfach gastronomische Betriebe mit dem Endverbraucher – in diesem Fall mir. Dabei werden zu einem reduzierten Preis Lebensmittel vermittelt, die zum Feierabend noch keinen Abnehmer gefunden haben.

Scroll ich mich während der Arbeitszeit – natürlich ganz heimlich – durch die App, werden mir im Feed Restaurants, Cafés und Märkte in direkter Umgebung angezeigt. Liege ich mit Hunger und meinem Handy im Bett – das kommt recht häufig vor – entdecke ich zuerst die Angebote in meinem Stadtviertel. Ja, die App kennt offensichtlich meinen Standort. Anhand grüner, oranger und roter Punkte ist leicht zu erkennen, ob die angezeigten Läden am gleichen Tag noch etwas abzugeben haben. Und dank eines Filters kann ich Präferenzen für Abholzeiten definieren. Mit dem Hinterlegen einer Kreditkarte oder eines Paypal-Accounts lässt sich ein Einkauf mit wenigen Klicks abwickeln. Soweit also alles easy.  

Als ich beim Scrollen mein Lieblingscafé in Altona entdecke, bin ich ganz aufgeregt. Der rote Punkt an der linken Seite zeigt mir allerdings, dass am heutigen Tag nichts mehr abzuholen ist. Nächstes Mal! Ich werde schnell entschädigt mit einem weiteren Favoriten, der für Vorfreude sorgt: ein Saftladen. Meine Liebe für kaltgepresste Säfte ist ja kein Geheimnis. Voll motiviert drück ich das erste Mal auf den Kaufen-Button und schwing mich nach Feierabend auf mein Hipster-Rennrad. Ein paar Minuten später drücke ich am Abholort auf die Klingel. Und es öffnet … niemand. Nach ein paar Versuchen ertönt ein Brummen der Tür. Ein Nachbar hat mich reingelassen. Aber auch das hilft mir nicht weiter, denn oben angekommen, ist das Büro verdunkelt. Manno.

(An dieser Stelle ein großes Lob an den Support, denn mit einer kurzen Email habe ich nicht nur das Geld erstattet, sondern auch eine wirklich liebe Nachricht bekommen.)

Als ich am nächsten Tag meine Enttäuschung über den ersten Versuch im Büro kundtue, werde ich motiviert – manchmal erinnert mich unser Redaktionsteam an einen Haufen Cheerleader – erneut zu scrollen, zu klicken und zu bezahlen. Schließlich hat jeder eine zweite Chance verdient, oder nicht? Für 4,50 Euro hole ich mir am Abend eine Tüte bei einer weit verbreiteten Salatmanufaktur ab. Der überaus nette Mitarbeiter weiß sofort Bescheid, checkt meine Bestellung in der App, die er mit einem Swipe entwertet und fragt mich sogar, ob ich vegetarisch oder vegan esse. Yes! Mit zwei Quinoa-Wraps, einem Salat und einem Chia-Pudding verlasse ich den Laden. Verrückt, dass die Sachen sonst im Müll gelandet wären!

Ein paar Meter weiter habe ich mir noch am gleichen Tag für 3 Euro bei einem Bäcker die restlichen Backwaren reserviert. Auch hier reicht das Stichwort TooGoodToGo. Der Mitarbeiter füllt meinen mitgebrachten Jutebeutel. Als ich denke, das war’s, scheint er gar nicht mehr aufhören zu wollen. Zuhause angekommen freut sich meine Mitbewohnerin über 16 Brötchen, drei Croissants, zwei Franzbrötchen und zwei Stücke Streuselkuchen. Und ich? Ich bediene mich auch eine Woche später noch an den drei eingefrorenen Broten, die es sich neben den Bananen im Tiefkühlfach gemütlich gemacht haben. 

Einen Trip nehme ich in meiner Testphase der App noch auf mich. Ehrlich gesagt liegt er auf dem Weg zum Sport. Ich bin nicht nur hungrig, sondern auch ein bisschen faul. Im Schanzenviertel mache ich einen Abstecher in ein Café und gehe zwei Minuten später mit zwei Stücken veganem Pflaumen- und 2 Stücken Kokos-Kirschkuchen wieder aus der Tür. Ob das ein perfekter Post-Workout-Snack ist, sei mal dahingestellt. Die treuen Redaktions-Cheerleader freuen sich aber sicher.

Gut, der wirklich letzte Stopp liegt am gleichen Abend auf dem Rückweg vom Sport. In einem Sushirestaurant bekomme ich für 4,50 Euro eine große Box mit Avocado-Maki und Inside Out Rolls. Die Makis werden dann tatsächlich mein spontan auserwähltes Post-Workout-Meal und die Inside Out Rolls schiebe ich meiner Kollegin am nächsten Morgen zum Frühstück zu – selbstverständlich gut gekühlt. Wer hat je behauptet, man könne morgens kein Sushi essen?! 

Was ich nach den ersten Tagen mit der App auf meinem Mobiltelefon denke?

Mein Verständnis von nachhaltigem Denken besteht nicht darin, perfekt zu sein. Aber einen kleinen Beitrag leisten, das kann ich! Und ich kann überhaupt nicht glauben, dass TooGoodToGo bisher so an mir vorbeigegangen ist. Die App ist cool, einfach zu bedienen und bleibt trotz Saftladen-Erfahrung fester Bestandteil meines Home-Bildschirms. Das steht fest. Sie macht es einfach, der unnötigen Verschwendung etwas entgegenzusetzen. Übrigens nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ursprungsland Dänemark und in Frankreich, Norwegen, Belgien... In Hamburg ist schon einiges zu holen und ich hoffe stark, dass noch mehr Restaurants, Cafés und Märkte Bock haben, als Teil von TooGoodToGo einen positiven Beitrag gegen das Wegschmeißen von Lebensmitteln zu leisten. Ist ja wirklich nicht so schwer, ne? 

BTW: Die App ist für User kostenfrei runterzuladen!

Das Auspacken der ersteigerten Lebensmittel gleicht übrigens immer einem Überraschungspaket. Und wer packt nicht gerne Pakete aus, in denen Essen steckt?

Am Ende sorgt TooGoodToGo für eine Win-Win-Situation. Einwandfreie Lebensmittel werden dank der App gegessen und nicht weggeschmissen. Und das gute Gewissen gibt es gratis dazu!


PS: Die Verschwendung von Lebensmitteln ist übrigens genauso scheiße wie Plastikflaschen im Straßengraben, Plastikstrohhalme in Drinks und Plastiktüten in der Obstabteilung. Aber das ist ein Thema für eine neue Kolumne!  

PPS: Andere Menschen mit fixen Ideen anstecken – das kann ich! Die App hat es schon auf das Mobiltelefon meiner Mama geschafft, meine Mitbewohnerin hat gestern für ein Abendessen vom Inder geklickt und meine Kollegin Svenja testet TooGoodToGo kommende Woche während ihres Trips nach Kopenhagen.