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KOLUMNE

Vom geliebten Pausenbroteglück

„Mama, ich hatte keinen Hunger“ – ein Satz, den Redakteurin Alisa ganz sicher nie gesagt hat, wenn sie aus der Schule kam. Pausenbrote sind was Tolles – früher wie heute.

von ALISA VOLTERMANN


Wenn ich an meine Zeit in der Schule zurückdenke, bin ich nur selten traurig darüber, dass sie vorbei ist. Ich vermisse weder die hektischen 5-Minuten-Pausen zwischen den Unterrichtsstunden, in denen man von einem Klassenraum zum nächsten gesprintet ist, noch hänge ich an den körperlichen Auseinandersetzungen mit riesigen Schulranzen, denen man in der Schlange der Cafeteria vergeblich versuchte auszuweichen. Das Szenario in unserer Cafeteria glich ehrlicherweise der pogenden Masse auf einem K.I.Z-Konzert (Ja, vor zehn Jahren war ich auch mal auf einem solchen Konzert.) Ein Tag in jedem Schuljahr hat mir sogar Stresszucken um die Augen bereitet: der Tag der Bundesjugendspiele. Für alle, die nicht wissen, wie ein solches, den Schülern jeden Alters aufgezwungenes Happening aussieht, hier ein kurzer Einblick: Alle Schüler treffen sich am Sportplatz und blamieren sich – einen ganzen Tag lang. Außer die coolen Kinder, die bei Weitsprung, Kugelstoßen und 100-Meter-Sprints Schulrekorde aufstellen. Applaus. 

Natürlich gibt es auch ein paar Dinge, bei deren Gedanken ich einen kleinen, wirklich ganz kleinen melancholischen Seufzer von mir gebe. Da ist beispielsweise der nigelnagelneue Tuschkasten, den ich mit gekonnt eingesetztem Gejammer jedes Jahr bekommen habe – einzelne Farben auswechseln kam gar nicht in Frage! (Das künstlerische Talent in mir hat sich trotz unberührter Farben nie durchgesetzt.) Dann gab es die berüchtigten Freistunden, die ganz oben auf der Liste der positiven Erlebnisse in der Schulzeit stehen. Und auch über das Zeugnisgeld am Ende eines jeden Halbjahres darf ich mich wohl kaum beschweren.

Und dann gibt es noch etwas, das mich meine ganze Schullaufbahn begleitet hat. Ja, bei diesem Gedanken weicht der kleine, melancholische Seufzer sogar einem wehmütigen Tränchen: meine prall gefüllte Brotdose, die bis zur Oberstufe in meiner völlig unpraktischen Handtasche auf mich gewartet hat. Und das jeden Tag, jeden Tag von Mama. Mein täglich Pausenbrot war nicht einfach eine unterschätzte Scheibe Brot mit Butter und Käse. Nein, mein Pausenbrot war so viel mehr als das. Ja, da war das kernige Brot mit genau der richtigen Menge Frischkäse, hauchdünnen Tomatenscheiben und frischen Salatblättern, die in meiner Erinnerung auch in der zweiten Pause noch knackig waren. Im Fach daneben – Hightech-Brotdosen gibt es nicht erst seit Bento – lagen an manchen Tagen in mundgerechte Stücke geschnittener Apfel, Gemüsesticks jeglicher Art – okay Mama, Kohlrabi kam bei den Mitschülern nicht so gut an – oder süße Mandarinen. Und nicht zu vergessen: der Snack. Während ich heute Reiswaffeln mit Zartbitterschokolade bevorzugen würde, gesellten sich damals Milchschnitte, Hanuta und Knoppers mit in die Box. Ja, das war meine Definition von Brotdosenperfektion!

Nur an besonderen Tagen – vielleicht waren es auch die, an denen meine Mama morgens keine Brotmesser schwingen wollte – gab es Kleingeld für ein vor Remoulade triefendes Aufbackbrötchen in der Cafeteria. Ja, sie galten damals als Highlight. Früher habe ich mir das Erwachsensein sogar als einen Zustand von Ich-kann-immer–alles-kaufen-was-ich-essen-will vorgestellt. Aber erwachsen ist anscheinend nur, wer morgens um 6 Uhr 30 verschlafen den Kühlschrank öffnet und zehn Minuten später glanzvolle Brote in bunten Dosen stapelt. Und zwar nicht nur für die eigenen Kinder (welche auch???), sondern auch für sich selbst. 

Leider grenzt die Nutzung meines Snooze-Buttons besonders jetzt, da die Tage kurz und dunkel sind, an Missbrauch. Und so kommt es, dass ich, anstelle der verschlafenen Brotschmieraktion auf dem Weg ins Büro viel zu häufig einen Zwischenstopp beim Brötchendealer einlege und "Eine Brezel, bitte" später in weich gebackene Lauge beiße. Am Schreibtisch angekommen und mit einem Kaffee intus öffne ich keine 30 Minuten nach der Vollendung des Brezel-Gelüsts meine (nicht mehr ganz so geheime) Snack-Schublade und fische nach... irgendwas. Und genau liegt das Problem. Denn wenn ich keine vollkommende Brotbox in meinem Rucksack habe, bin ich bis zum Mittagessen auf der ewigen Suche nach dem Pausenbrote-Glück. Meist erfolglos. 

Die Brezel ist wie das Taschengeld für die Cafeteria: Eine gelegentliche Brezel und die anschließenden Snackschubladen-Momente sind an manchen Tagen ganz besonders. Aber an allen anderen Tagen geht nichts über die geliebte Brotdose, die mich richtig glücklich macht. Zumindest bis zum Mittagessen. Also frage ich mich (fast) jeden Morgen, wenn der penetrante Klingelton meines Handyweckers losgeht: Was würde Mama tun? 


PS: Was ich auch vermisse? Den Moment, wenn meine Mama am Sonntagabend alle Brotdosen der Woche aus meiner Tasche kramt und ich zum hundertsten Mal ermahnt werde, die Boxen selbst in die Spülmaschine zu räumen. "Sonst gibt es keine Pausenbrote mehr!" Da ich mit den Jahren festgestellt habe, dass meine Mama es nicht übers Herz bringt, Pausenbrote von der Agenda zu streichen, ist sie in unregelmäßigen Abständen vergammelten Bananenschalen und verschmierten Papieren von Schokoriegeln begegnet. An dieser Stelle: Sorry!