WM für Fußball-Muffel

Schon wieder WM? Ach nöö ...

Fußball-Muffel? Dito. Was tun, wenn gefühlt das ganze Land in die WM-Blase abtaucht? FOODBOOM-Redakteurin Svenja auf der ironischen Suche nach einem Platz am Rande der Gesellschaft.

Bild von Svenja

Ein Artikel von Svenja

Food-Redakteurin Svenja liebt stundenlange Koch-Experimente. Als Hobby-Selbstversorgerin macht sie viel von der Pike auf selbst & würzt ihre Artikel mit nordischem Flair und How tos.

Szene aus unserer Redaktion:

Kollegin: Was machen wir denn zur WM? Irgendwelche Artikel-Vorschläge?
Ich so: Ach WM, ja .... Puh ... keinen Plan ... Drinks?

Bei Fußball bin ich einfach raus. Fachlich, mental, emotional.

No bad feelings, aber schon als Teenie hab ich nicht verstanden, warum ausgerechnet dieser Sport so übergroß aufgeblasen wird. Fußball ist schließlich nicht der einzige Sport, der tief mit der deutschen DNA verknüpft ist. Und in Anbetracht der Tatsache, wie viel Geld in diesen Ballsport fließt und wie teuer es geworden ist, Fußball regelmäßig und legal zuhause von der Couch aus zu gucken, finde ich die uneingeschränkte Faszination für Fußball äußerst fragwürdig. Nur Formel 1 ist noch schlimmer.

Hier in Hamburg hab‘ ich es auch schon mal erlebt, wie selbst Bundesliga-Spielergebnisse vom HSV im Supermarkt alle paar Minuten per Lautsprecher-Durchsage aktualisiert worden sind. So viel also zu Deutschlands Fußball-Euphorie. Etwas Ähnliches hab‘ ich noch bei keinem anderen Sport erlebt. Ich würde aber wirklich gerne mal das Gesicht der Leute sehen, wenn sie im Supermarkt per Durchsage über besonders gelungene Pirouetten von deutschen Dressurreitern informiert werden.

WM-freie Zonen

Meckern hilft ja nix. Was also tun, wenn die WM anrollt und das ganze Land unter Deutschlandflaggen, Mannschafts-Sammelstickern, fragwürdigen Spotify-Playlists und Fußball-Gadgets für Grill & Co untergeht? Ich hab‘ mal spaßeshalber gegoogelt, wo es WM-freie Zonen in der Stadt gibt. Die Ausbeute ist nicht herausragend. Eigentlich wurde mir eher das Gegenteil von meiner Suchanfrage angezeigt. Ziemlich jede Kneipe, jedes Café und jedes Restaurant mit ein bisschen Sinn für Wirtschaftlichkeit wird eine fette Leinwand aufstellen und jedes Spiel-Ende mit gratis Schnaps feiern. Und die Lokale, die mit WM nichts am Hut haben, schreiben es sich wohl lieber nicht auf die Fahne. Wer das Geld und die Zeit hat, kann sich für vier Wochen auf eine einsame Insel verbarrikadieren oder seinen versteckten Survival-Bunker für den Weltuntergang beziehen. Dem Rest empfehle ich, in die Offensive zu gehen: Rein ins Getümmel!

WM Party outdoor WM ist nichts für Feiglinge. Im Zweifelsfall einfach rein ins Getümmel!

Schnittchenfrau versus Grumpy Dude

Wenn man es ganz hart nimmt, dann haben Fußball-Muffel wie du und ich nämlich nur zwei Rollen während der WM zur Auswahl: die Schnittchenfrau (gibt’s noch in alkoholisierter Variante als Steigerung, insbesondere als Steigerung des eigenen Wohlbefindens) oder der Grumpy Dude, den keiner länger als 5 Minuten bei sich erträgt (eignet sich besonders für allgemein asoziale Menschen). Ist eure asoziale Ader zu wenig ausgeprägt für den Grumpy Dude, empfehle ich euch die Schnittchenfrau. Die gibt’s natürlich auch für Männer: den Schnittchenmann. Er oder sie ist mittendrin im WM-Gewusel und trotzdem aus den gröbsten Emotionen raus, denn er/sie verfolgt das Spiel nur peripher. Für ihn/sie steht ein WM-Abend unter einem ganz anderen Stern: Geselligkeit und das leibliche Wohl aller Anwesenden, sich selbst eingeschlossen. Dabei dürft ihr euch selbst so richtig verwöhnen. Ihr liebt dieses ganz bestimmte belgische Bier, der Import ist bloß echt teuer? Heute ist euer Abend, eure Woche, euer Sommer! WM geht nur mit Champagner? Her damit!

Wichtig: Lasst Public Viewing lieber aus und geht nur zu privaten WM-Abenden bei Freunden und Nachbarn. Da könnt ihr viel einfacher Teil des Geschehens werden, indem ihr beim Schnippeln des Salates oder Aufstellen des Fernsehers helft. Beim Public Viewing seid ihr passive Teilnehmer und dem WM-Trubel schutzlos ausgesetzt. Außerdem ist die Chance auf andere Fußball-Muffel bei privaten Happenings oftmals größer, weil kleiner und intimer. Nur die wenigsten Menschen würden es nämlich offen zugeben, aber es gibt mehr von unserer Sorte als ihr glaubt. Erfahrungsgemäß findet ihr mindestens ein Soul Mate pro WM-Abend. Leider habe ich noch keine eindeutige Körpersprache bei Fußball-Muffeln feststellen können, die einen vor Fettnäpfchen bewahrt, wenn man ganz offen nach Fußball-Abneigungen fragt. Auch beim Dresscode geben sich Fußball-Muffel variabel. Nur, weil jemand kein Fußball-Trikot oder ähnliche Accessoires trägt, ist das kein Garant. Da kann man sich in der Homo-Szene schon was abgucken: Warum gibt es keinen Hanky Code für Leute, wie uns?

Goldene Regel: Mach das WM-Spiel zu deinem Vergnügen – aber nörgle nicht

Schnittchenfrauen/-männer mit Gastgeberqualitäten sollten unbedingt die Gelegenheit nutzen, die ganze Horde zum WM-Gucken zu sich einzuladen. Klingt lebensmüde, ist aber reines Kalkül: Zuhause in eurer Hood seid ihr die Master of desaster und könnt die Rahmenbedingungen des Abends bestimmen. Sollen sie doch alle WM gucken, aber dann wenigstens mit euch. Wer will schon alleine sein, wenn alle anderen Spaß haben? Nur das Fußball-Nörgel-Tourette, das spart ihr euch lieber für einsame Stunden auf. Tipp: Wenn es mal ganz schlimm wird und ein Schreianfall droht, hilft notfalls auch mal ein nasses Handtuch zwischen den Zähnen.

Der richtige Rahmen für den Abend

Ich persönlich verstehe wirklich nichts von Fußball. Mitreden ist also nicht und mitgucken auch nur partiell. Nämlich nur dann, wenn es gerade Sinn macht: Eure Fußball-Freunde werden garantiert mal etwas zur Beruhigung ihrer angespannten Nerven benötigen. 90 Minuten + Pause können länger und erschöpfender sein als man denkt. Da liegen die Nerven schon mal blank. Hier kommt ihr als Schnittchenfrau/-mann ins Spiel: Tut erst gar nicht so, als ob ihr etwas von Fußball oder den Leiden eurer Gegenüber versteht. Bietet stattdessen handfeste Lösungen in Form von Alkohol, Food und Spielen an. Wie wäre es zum Beispiel mit einem Trinkspielchen bei jeder gelben oder roten Karte, selbst gemachten Cocktails bei ganz schwieriger Spiel-Lage, spontanem Food-Kreationen-Wettbewerb aus Grillresten oder Ablenkungsmanövern in Form von Gartenspielen á la Kubb & Co? Mehr Inspiration für Schnittchenfrauen/-männner findet ihr hier und hier. Seid stark, seid bezaubernd, seid Teil des Großen Ganzen. Auf in den WM-Sommer!