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Negroni Cocktail – der „Don” unter den Kultgetränken

Wie ein spielsüchtiger Graf als Teilzeit-Playboy und verkappter Alkoholiker den Weg für einen der bedeutendsten Drinks der Bartender-Geschichte ebnete.

von GIUSEPPE COTRUFO


Gin, süßer, roter Wermut und Campari, alles zu gleichen Teilen, eine Orangenzeste und etwas Eis – that’s it, ein Negroni. Klar, der geschulte Bargänger erkennt diesen Klassiker sofort. Aber nicht nur der. Denn dieser fruchtig, bittere Italiener erlebt in der deutschen Barszene gerade so etwas wie seinen zweiten Frühling. Freut mich persönlich ungemein, da ich ihn zu den Top-3 meiner Lieblingsdrinks zähle.

Als Hobby-Bartender - ich habe weder eine Ausbildung dazu noch arbeite ich in einer Bar - befasse ich mich ein wenig intensiver mit den Dingen, die ich mische und trinke. Zum einen wären da die verwendeten Zutaten. Wie werden sie gemacht? Wieso harmonieren sie so gut? Wo kommen sie her? Zum anderen aber auch der historische Aspekt. Denn einige Drink-Kreationen erzählen eben wirklich gute Geschichten. Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht etwas nerdig, aber das ist wirklich spannend – ich schwöre!

Grund genug also, sich auch beim Negroni auf Spurensuche zu begeben. Wo kommt der Drink nun her? Leute, eins kann ich euch direkt mal versprechen: Zu diesem geilen Getränk, gibt es eine wirklich würdige Entstehungsgeschichte. Spot on!

Negroni-Rezept

Zutaten:

1 Bio Orange
Eiswürfel
6 cl Campari
6 cl Gin
6 cl roter Wermut

Utensilien: Messer, Brett, Mixgefäß, Sieb, 2 Tumbler (à 200 ml)

Zubereitung:

1 Orange heiß abspülen, trocken tupfen und mit dem Messer 2 Streifen Orangenschale runterschneiden.
2 Spirituosen in ein Gefäß gießen, mit Eiswürfel auffüllen und umrühren. Tumbler mit Eiswürfel befüllen und Spirituosen durch ein Sieb in die Tumbler gießen.
3 Je Tumbler 1 Streifen der Orangenschale ausdrücken, verdrehen und als Garnitur in die Tumbler stecken.

Milano-Torino und Americano als Vorgänger

Die Geschichte um den Negronie beginnt mit dem ein oder anderen Vorgänger. In Italien ging’s Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem „Torino Milano” los. Ein beliebter Klassiker, der den Campari aus Mailand und einen roten Wermut von Cinzano aus Turin vereinte. Einfach, simpel und gut – sollte man meinen. Denn auf Basis dieses Drinks entstand ein weiteres Kultgetränk: der „Americano” – im Prinzip ein mit Soda gestreckter „Torino Milano”. Hier scheiden sich die Geister, wer tatsächlich für die Erfindung dieser Abwandlung verantwortlich war. Die Geschichten reichen von amerikanischen Touristen, die ihre Getränke gerne mit Soda streckten bis zum italienischen Schwergewichtsboxer und Schauspieler – coole Mischung – Primo Carnera, der 1933 in den USA den Titel in seiner Gewichtsklasse holte. Ja, hört sich cool an. Ist aber weniger plausibel, da der Americano schon deutlich früher in diversen Aufzeichnungen auftauchte. Lange Rede, kurzer Sinn - wir sind ja immer noch nicht dort, wo wir hinwollen: beim Negroni.

Ein Playboy als Namensgeber

Und hier kommen wir zu einer Persönlichkeit, die so schillernd wie fragwürdig war: Graf Cammillo Negroni (später Camillo mit nur einem „m” geschrieben). Für euch gibt’s nun zwei Möglichkeiten, euch über den werten Herrn schlau zu machen. Entweder schaut ihr ins Buch „Sulle Tracce Del Conte”, zu deutsch: auf den Spuren des Grafen. Oder aber ihr lest euch meine deutlich kürzere Zusammenfassung durch.

Don Camillo Negroni (1968 - 1934) war sein gesamtes Leben lang wohl so etwas wie der typische Troublemaker. Geboren in Florenz, Vater eines unehelichen Kindes, Spieler, Playboy und Trinker – das fasst die Quintessenz seines Daseins ganz gut zusammen. Aber so fragwürdig sein Lebensstil auch war, so glanzvoll bleibt sein Vermächtnis: der nach ihm benannte Negroni!

Erzählungen und Aufzeichnungen zufolge weilte der Graf zwischen 1919 und 1920 vorzugsweise im Café Casoni in Florenz, heute Caffé Giacosa. Sein Lieblingsgetränk: der Americano. Eines Abends, vielleicht hatte der Graf einen schlechten Tag, bat er den Bartender Fosco Scarselli darum, seinen Americano ein wenig stärker zu mixen. Scarsellis Idee: ein Tropfen Gin – und der Boom begann. Nach und nach fragten immer mehr Besucher nach jenem Getränk – und irgendwann bestellten sie einfach nur noch den „Negroni”. Der Graf ist damit nicht wirklich der Erfinder des Drinks, aber dennoch der Namensgeber.

Woher ich das weiß? Durch einen Artikel, der am 25. November 1962 im „Gente” erschien – ein damaliges italienische People-Magazin. Dort wird Scarselli mit den Worten zitiert: „Graf Camillo trank auch den Americano, aber er wollte ihn ein wenig stärker. Ich fügte einige Tropfen Gin hinzu.” Auch zum Trinkverhalten des Grafen gab es noch ein paar Worte von Scarselli: „Der Graf war wirklich ein extremer Trinker. Es gab Tage, da konnte er bis zu 40 Drinks zu sich nehmen und dennoch sah ich ihn nie betrunken.” Aha, 40 Drinks und nicht betrunken... Als Gelegenheitstrinker ging er damit wohl nicht mehr durch.

Der Negroni von heute

So spannend die Geschichte zur Entstehung des Namens ist, so klar ist es danach auch, dass das noch nicht der Negroni ist, wie wir ihn heute kennen. Scarselli sprach damals von „einigen Tropfen Gin” als Ergänzung. Der Negroni war also früher schon ein Drink, mit dem Bartender gerne spielten. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde den drei heutigen Kernzutaten Campari, Gin und Wermut immer auch Soda hinzugefügt. Dies gilt auch heute noch als klassische und ursprüngliche Variante des Negronis. Serviert bekommt man ihn so aber im Prinzip nirgends.

Heute beschränken sich Bartender auf Campari, Gin und Wermut zu gleichen Teilen. Mal wird direkt im gekühlten Tumbler gemischt und serviert. Mal wird erst im Rührglas mit Eis vorbereitet und dann mit oder ohne Eis in einem neuen Tumbler angerichtet. Üblich ist dabei das Ausdrücken der Öle einer Orangenzeste über dem Drink und das nutzen selbiger als Garnitur – auch die Zitrone kommt häufig vor. Manchmal wird sogar noch ein halbe oder ganze Orangenscheibe auf den Glasrand gelegt.

Wie ich meinen Negroni mache

Auch ich bin ein Freund des modernen Negronis und beschränke mich dabei im Wesentlichen auf die drei Kernzutaten. Campari ist dabei natürlich in Stein gemeißelt. Es gibt zwar vergleichbare Bitters, aber kein anderes Getränk verleiht dem Negroni seine unverkennbare Farbe und einen ähnlich bitter-frischen Geschmack. Beim Gin greife ich natürlich zu einem London Dry Gin – und zwar zum Beefeater. Eigentlich wenig spektakulär, da die verwendeten Botanicals – so bezeichnet man die unterschiedlichen Aromen, die einem Gin beigefügt werden – dem Getränk wenig Komplexität verleihen. Für einen Gin-Tonic nicht optimal. Beim Negroni aber ein Gewinn. Denn der milde Geschmack sorgt dafür, dass der Gin nicht zu dominant im Getränk wird. Wichtig ist jedoch auch die Wahl des Wermuts. Süß und rot muss er sein. Die Auswahl ist groß und trotzdem lohnt es sich ein wenig mehr Geld in die Hand zu nehmen. Mein Tipp: Antica Formula Carpano. Ein würziger Wermut, bei dem der Geschmack von süßen Früchten und Vanille dominiert – pur schon der absolute Wahnsinn! Meine etwas günstigere und erste Alternative wäre an dieser Stelle ein Belsazar.

Und wie wird’s gemacht? Ich wähle dabei die Machart im Rührglas. Alle Getränke zu gleichen Teilen (3 cl) ins Glas, Eiswürfel dazu und 15 Sekunden mit einem Barlöffel rühren. Danach nehme ich einen vorgekühlten Tumbler, fülle zwei große Eiswürfel hinein und seihe meinen Negroni aus dem Rührglas in den Tumbler. Jetzt fehlt nur noch die Orangenzeste – damit verleihe ich dem Getränk noch mehr Frische. Die Öle der Zeste drücke ich direkt über dem Getränk aus, reibe danach den Glasrand mit der Schale ein und schmeiße sie dann ins Glas. Jetzt nochmal ganz kurz umrühren et voilà: fertig ist ein leckerer Negroni!

Aus falsch wird richtig

Der Negroni ist ein Cocktail zu dem es wohl die meisten Abwandlungen gibt. Die berühmteste ist der „Negroni Sbagliato”. Sbagliato ist übrigens, welch Wunder, das italienische Wort für falsch. Ein Bartender soll eines Abends ausversehen Schaumwein statt Gin benutzt haben. Dabei ist man sich aber nicht sicher, ob ihm morgens einfach nur der nötige Espresso fehlte oder ob er schon zu viele Negronis intus hatte ... Man ist sich ebenfalls nicht sicher, ob die Geschichte überhaupt stimmt. Aber sie lässt sich ganz gut verkaufen ...

Schlussendlich wurde aus falsch richtig und auch heute wird diese Negroni-Variante noch sehr gerne getrunken. Sowas hätte ich mir früher bei der ein oder anderen Matheklausur auch gewünscht. Wenn aus meinen falschen Lösungswegen plötzlich bahnbrechende neue Erkenntnisse und nicht 0 Punkte hervorgegangen wären... Aber so ist das: Der eine macht Scheiße zu Gold und beim anderen bleibt Scheiße eben Scheiße.

Wie ihr seht gibt’s zum Negroni also nicht nur eine tolle Geschichte, sondern auch viele Möglichkeiten der Gestaltung oder Weiterentwicklung. Ich will nun aber nicht komplett den Rahmen sprengen und rate euch dieses Getränk einfach mal selbst auszuprobieren: salute!