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Kolumne

#3 Indoor Gardening: ein Selbsttest

Ihr habt Lust auf Tomate, Gurke & Co aus eigenem Anbau, aber weder Balkon noch Garten? FOODBOOM-Redakteurin Svenja erzählt in ihrer Kolumne vom üppigem Grünzeug-Wuchs im eigenen Wohnzimmer.

Bei meinem letzten Buchladen-Bummel habe ich vor dem Garten & Hobby-Regal einen kleinen Freudentanz hingelegt. Da stand ein Buch, von dem ich dachte, dass es nicht existiert. Ein Buch für alle, die sich einen vollen Gemüsegarten wünschen, aber keine Grünfläche zur Verfügung haben – und stattdessen in der eigenen Wohnung anbauen. Bisher hatte ich immer nur Sachbücher gefunden, die mindestens einen Balkon voraussetzen. Doch nach Meinung der Autorin benötigt ihr nicht mal Südfenster, um u.a. Chilis, Gurken oder Erdbeeren anzupflanzen. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass ich ohne dieses Buch nirgendwo mehr hingehen wollte. Schnell zur Kasse damit! Und weil ich gerade so gut drauf war, habe ich auch noch ein Buch mit dem wunderbaren Titel „So überleben deine Zimmerpflanzen garantiert“ gekauft. Die Buchhändlerin an der Kasse hat sich letzteres auch direkt für sich selbst notiert, denn ihre Skills auf dem Gebiet seien auch „unter aller Kanone“.

Im Anschluss bin ich direkt zum nächstbesten Pflanzengroßmarkt gefahren, um mich mit Bio-Saatgut, Töpfen & Untertöpfen, Gemüseerde, Aussaaterde, Rankhilfen, Gartenhandschuhen und Bio-Dünger einzudecken. (Genau, da ist er wieder, der Begeisterungswahn ...). Zum Glück war ich mit meinem Fahrrad unterwegs, sodass mein Shoppinganfall irgendwo zwischen Gemüseerde und Rankhilfen auf natürliche Weise verebbte. Trotzdem hatte ich den Eindruck, noch nie so vollgestopfte Gepäcktaschen an mein Fahrrad geschnallt zu haben. Zuhause stürzte ich mich direkt auf die Gurken-Samentütchen. Angeblich dürfte der Indoor-Anbau von Gurken ein Klacks sein: Ost- oder Westfenster reicht aus, wichtig sei nur, dass es die Samen ordentlich muckelig haben. Also her mit den Anzuchttöpfchen (oder, Tipp für Sparfüchse: Pappbecher aus den Untiefen eurer Küchenschränke) und los geht’s! Etwas Aussaaterde hinein, Samen drauf, noch eine dünne Schicht Aussaaterde drüber, wässern – fertig.

Die Wahrheit steht auf dem Beipackzettel

Packungsbeilagen sind nicht nur bei Medikamenten und IKEA-Möbeln unverzichtbar, sondern auch bei Saatgut. Bei meinem ersten Versuch, bienenfreundliche Pflanzen für den Balkon auszusäen, wurde meine Packzettel-Ignoranz direkt abgestraft – und meine Pflänzchen haben sich aufgrund der zu engen Aussaat gegenseitig kannibalisiert. Seitdem habe ich dazugelernt: Für die Gurken heißt es Aussaat bis Juli, mit ein paar Zentimetern Platz zwischen den Samen, halbschattiger bis sonniger Stellplatz, gut wässern und mindestens 21 Grad (!) nach der Aussaat gewährleisten. Klingt anspruchsvoll, kriegt ihr aber wirklich locker hin. Das Zauberwort ist Frischhaltefolie! Einfach Frischhaltefolie über die Becher stülpen und mit einer Gabel kleine Löcher einstechen. Anschließend wurden die Gürkchen aufs Fensterbrett entlassen. Eine Extrabehandlung gab es nicht: keine klassische Musik, kein Wiegen, kein Singen, keine Vorlesestunden – nur Morgensonne und regelmäßiges Wasser.

Genügend Abstand zwischen den Pflanzen lassen!

Neue Mitbewohner

Die Tage vergingen und schon bald räkelten sich zarte, dünne Stängelchen aus der Erde. Von neun ausgesäten Gurkensamen keimten alle neun. Ich war, zugegeben, stolz wie eine Mama. So viele neue kleine Mitbewohner! Ab diesem Zeitpunkt war Action auf dem Fensterbrett: Gefühlt jeden zweiten Tag entdeckte ich ein neues Blättchen hier und Wachstumsfortschritte dort – und ihr glaubt gar nicht, wie man sich über so etwas Banales freuen kann. Mein erster Move morgens und mein letzter abends war der Gang zum Fensterbrett, um „nach dem Rechten“ zu sehen.
Die Wochen verstrichen und ein neues (Wachstums-)Stadium bahnte sich an: Plötzlich hatten meine Pflänzchen handgroße Blätter, eigene, feine Rankhilfen und gelbe Blüten! Laut meinem Gartenbüchlein sei jetzt Zeit für dreierlei Dinge:

•    Blüten bestäuben, damit Gurken wachsen können
•    Düngen
•    Pflanzenwuchs beschneiden

Sorgen einer Aushilfshummel

Zeit, sich als Aushilfshummel zum Einsatz zu melden! Wer keinen Balkon oder Garten hat, muss die Pflanzen nämlich selbst bestäuben. Klingt anspruchsvoller als es ist: Man nehme einen weichen, kleinen Pinsel und bepinselt alle zwei Tage die Stempel in den Blüten. So viel zur Theorie. Fleißig tat ich, wie mir aufgetragen, doch eine Gurke – oder auch nur ein Ansatz von einem Ansatz einer Gurke blieb aus. Wie konnte das sein? Alle neun Pflanzen wuchsen mir bald schon über den Kopf und waren übersät von gelben Blüten! Nach ein paar Wochen zog ich das Internet zu Rate. Das Ergebnis war erschütternd und peinlich zugleich: Irgendwie hatte ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht, dass es weibliche und männliche Blüten gibt ... Wer im Biologie-Unterricht aufgepasst hat, weiß: epic fail, Svenja! Die weiblichen Blüten müssen natürlich bestäubt werden! Und nach einem forschenden Blick über die Pflanzen entdeckte ich ausschließlich männliche Blüten.

Was jetzt? Ich hatte mich schon so auf meine erste, selbst geerntete Gurke gefreut! Nein, es ist sogar noch schlimmer: ich habe sie sogar schon bei der letzten Wohnungs-Party an den Gewinner unseres großen Mario-Cart-Battles versprochen! Also habe ich das gemacht, was ich schon viel früher hätte machen sollen:

1.    die Bestäubung (vorerst) einstellen
2.    erst jetzt mit dem Düngen anfangen (und nicht vor der Blüte, wie ich es gemacht habe ...)
3.    die wuchernden Gurkenpflanzen oben jeweils einmal kappen

Wo eine Blüte ist, ist auch ein Weg

Glaubt es, oder glaubt es nicht, aber das Kappen der Haupttriebe hat mich echt Überwindung gekostet. Man ist seit Tag 1 live dabei, wie diese Pflanzen unermüdlich wachsen – da will man doch nicht die Spielverderberin sein! Zum Glück habe ich mich in dieser Sache nicht von meinen Emotionen leiten lassen – denn kurz nach dem „Eingriff“ begannen die Pflanzen Nebentriebe zu bilden, an denen die ersten weiblichen Blüten wuchsen. Mittlerweile sprießen mehrere Gurken an jeder einzelnen Pflanze! Es gab also doch ein Happy End, welch Erleichterung!

Gurken über Gurken über Gurken - happy times!

So wirst du zum Gemüseflüsterer

Nach vielen Wochen mit „meinen Gürkchen“ weiß ich jetzt, was Gurken wirklich brauchen. Hier kommen meine 5 Tipps für alle angehenden Gurkenmamas und -papas:

•    Mäßig gießen. Zu viel Wasser vertragen Gurken nicht. Dafür mögen sie es gerne, wenn ihr sie mit einem Wasserzerstäuber regelmäßig besprüht.
•    Gurken vertragen viel Sonne. Sind die erstmal etwas gewachsen, halten es Freilandsorten auch bei kühleren Temperaturen aus.
•    Bestäubung per Pinsel – aber bitte nur die weiblichen Blüten!
•    Unbedingt rechtzeitig den Haupttrieb beschneiden – so werden Nebentriebe gebildet und (anscheinend) die Gurkenproduktion angeregt
•    Erst düngen, wenn eure Pflanzen bereits erste Blüten haben. Wer zu früh düngt, kann Ewigkeiten auf seine Gurken warten.

Mehr Selbstversorger-Chic

Nächstes Mal dreht sich bei mir alles rund um das neue alte Phänomen Shinrin Yoku und die Frage, wie wir Städter Waldbaden in unseren Alltag integrieren können. Ihr habt Lust auf mehr Kolumnentratsch? Dann guckt mal bei meinen anderen Beiträgen vorbei oder besucht die Kolumne von meiner Kollegin Alisa. Viel Spaß!