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Von Desperate Housewives, die zuhause kochen

Es gibt kaum etwas, für das Redakteurin Alisa lieber Geld ausgibt, als für die geliebten Restaurantbesuche mit ihren Freundinnen. Bis jetzt, wo Zuhause kochen das neue Essengehen zu sein scheint.

von ALISA VOLTERMANN​


Tuschel, tuschel. "Ja, guck dir diese junge Frau an, die ganz alleine in der Ecke sitzt, so ohne Begleitung. Komisch. Oder ihr Date hat sie versetzt… " – nein, keine Sorge, ich bin wirklich absichtlich alleine hier.

Während ich vor ein paar Jahren selbst heimlich Menschen beobachtet habe, die in einem Restaurant – an einem in meinen Augen verlorenem Tisch für zwei Personen – alleine den Mittagstisch und eine Apfelschorle bestellten, bin ich mittlerweile selbst eine von ihnen. Nur zu gern setze ich mich – mal mit, mal ohne Arbeitslaptop – in einen gemütlichen Sessel eines Bistros oder Cafés. So wie gerade. Dabei verteile ich Kuchenkrümel auf meinen Notizen, scrolle mit schmierigen Fingern durch das öffentliche Internet und bediene mich am kostenlosen WLAN. Alle paar Wochen scheuche ich auch mal einen aufmerksamen Sitznachbarn oder die nette Bedienung auf, wenn ich meinen Kaffee mit geliebtem Milchschaumteppich über die Tastatur ergieße.

Keine Sorge, ich bin wirklich nicht allein. Heute Abend sitze auch wieder gemeinsam mit meinen Freundinnen beim Vietnamesen in der Schanze und bestelle meine Bún mit Tofu. Denn ob alleine im Lieblingscafé oder mit den Liebsten, Essengehen zählt zu meinen liebsten After-Work-Freizeitvergnügen. Und tatsächlich landen wir in neun von zehn Fällen bei einem neu-modernen Vietnamesen. Wir sind bei den Imbiss-Restaurants sogar die Gäste, mit denen die Inhaber ihr Geld verdienen, denn während wir von unseren Sommerrollen abbeißen und heiße Phở schlürfen, bestellen wir fleißig süffiges Tiger Bier – eins nach dem anderen. Die Rechnung kommt und wird gerne bezahlt. 

Ja, ich investiere mein Geld gerne in Essen. Ich kaufe auch sonst beim besten Bäcker der Stadt das teure Walnuss-Ciabatta und decke mich im Anschluss im Bio-Supermarkt regelmäßig mit Mandel-Tonka-Aufstrich im Wert eines All-Inklusive-Urlaubs – den ich eh nicht machen will – ein, um das Glas noch am gleichen Wochenende auszulöffeln, statt es auf das Brot zu schmieren. Aber am Ende gebe ich für (fast) nichts lieber mein Geld aus, als für unsere mittelteuren Restaurantbesuche. Mir ist klar, dass ich weitaus nicht so viel Geld für Essengehen ausgebe, wie viele andere, aber prozentual betrachtet...

Bis vor ein paar Wochen wurde also die immer wiederkehrende Frage nach der Restaurantwahl des Abends mit einem der unzähligen – und natürlich super authentischen – vietnamesischen Imbiss-Restaurantnamen beantwortet. Und ich liebe es! Gut, manchmal essen wir auch neapolitanische Pizza oder Falafel. 

Und jetzt?

Als an einem ungemütlichen Oktobertag diesen Jahres die Frage nach dem auserwählten Restaurant in unserem WhatsApp-Chat aufploppte, kam kein Vorschlag für die neueste (vietnamesische) Entdeckung, sondern die enthusiastische Aussage einer Freundin: Ich koche für euch Grünkohl – so richtig mit Zwiebeln (ohne Speck) anbraten und Grünkohl lange kochen, mit Salzkartoffeln und mit (vegetarischen) Würstchen. 

Das deutsche Essen entpuppte sich als voller Erfolg. Zwar war am Ende des Abends noch Grünkohl im Topf, aber die Tube mittelscharfer Senf war leer. Fantastisch. Natürlich haben wir uns schon oft zum gemeinsamen Essen Zuhause verabredet, aber das Kochen war immer ein gemeinnütziges Projekt, bei dem jeder seinen Beitrag leistete. Und klar, das war immer schön. Am Grünkohlabend allerdings tischte meine Freundin auf: Gedeckter Tisch, würziger Grünkohl, und offensichtlich viel Liebe.

Was dann passierte? Auf diesen erfolgreichen Grünkohlabend folgte ein paar Wochen später eine Einladung einer weiteren Essensgeh-Komplizin, die ein vietnamesische Menü ankündigte. (Das liegt entweder daran, dass sie aus Vietnam kommt, oder daran, dass wir die vietnamesischen Dinner-Dates ein wenig vermissen. Man munkelt.) Selber kochen heißt offensichtlich nicht der Verzicht auf gebackenen Tofu in Tomatensauce. Und mit großer Wahrscheinlichkeit war dieses Essen wohl auch das authentischste, vietnamesische Essen, das ich bisher gegessen habe – gedeckter Tisch und Kerzenschein inklusive. Die Ahhs und Ohhs hallten noch lange nach.  

Und dann? Die Freundin und Köchin des gestrigen Abends, bis dato auf sympathisch unkomplizierte Art kulinarisch eher leicht zu beeindrucken, hat sich für ein orientalisches Dinner entschieden. Dabei wurde der selbst gemachte Dip mit Datteln und Walnüssen sogar schon am Vorabend zubereitet – „damit der durchziehen kann.“ Ich war ehrlich beeindruckt. Der Nachtisch: Nussecken – nicht orientalisch, aber richtig lecker.

Ich mische mir indische Gewürzmischungen an. Ich backe Brot. Ich setze Kombucha an – meine Kollegin Svenja ist schon lange vor mir unter die richtigen Hobbyköche gegangen. Und nachdem ich ihr von unseren ersten Dinner-Abenden erzählt habe, bin ich so richtig angefixt. Mit einem Faible für immer noch einfache Zutaten, die in Kombination irgendwie-so-was-wie-internationale Rezepte ergeben, haben wir Freundinnen nun ein offizielles Motto-Kochen in unsere kleine Wir-gehen-mal-weniger-Essen-Welt eingeführt: Länderkochen.

Als nächstes bin ich an der Reihe. Mein Dinner will natürlich gut geplant sein und findet im neuen Jahr statt. Ob ich unter Druck stehe? Ach was. Ich muss mich nur noch für eine Landesküche entscheiden. Vielleicht kaufe ich für das Dessert auch einfach einen Käsekuchen aus der Tiefkühltruhe, schneide ihn in die Größe kleiner Weck-Gläser, beträufele ihn mit einer fruchtigen Sauce aus der Tube und schiebe sie am Ende in die Mikrowelle. Das Ganze ganze taufe ich dann „Melted Cheese Cake“. Kleiner Scherz. Ich werde mich selbstverständlich richtig ins Zeug legen!

Ich glaube aus mir spricht gerade die Stimme einer desperate Housewive – ohne Ehemann und weniger desperate – die richtig Bock auf Kochen hat!

Zu Hause kochen ist unser neues Essengehen. Mal sehen, wie lange der Enthusiasmus anhält.


PS: Übrigens folgt auf keines der Menüs ein trockenes Brettspiel (wobei, ich mag Brettspiele) und Bier gibt es auch – auf Nachfrage. Viel eher ist es ein Wunder, dass ich noch kein Sixpack vom Lachen habe, denn nirgends kann man so ausgelassen genießen und lachen wie in der eigenen Küche, dem Esszimmer oder auch dem flauschigen Wohnzimmerteppich. 

PPS: Wenn ihr das hier lest, stopfe ich voraussichtlich den letzten Bikini in meinen Reiserucksack, denn die restliche Weihnachtszeit verbringe ich auf den Philippinen. Ich muss mich schließlich mental auf mein perfektes Dinner vorbereiten! Bis im neuen Jahr!