Pizza Bianca

"Pizza Bianca" und Amore – Auf den Spuren der weißen Pizza

Achtung Achtung, hier spricht die Trendpolizei! Im Trendcheck: Die Pizza Bianca, die auf weiße Weste statt rotes Kleid setzt. Der Klassiker neu aufgelegt – woher sie kommt und was sie kann.

Bild von Leonie

Ein Artikel von Leonie:

Leonies Schreib-Soundtrack: irgendwo zwischen Jamiroquai, Tanita Tikaram, The Films, Kornél Kovács und der 187 Strassenbande. Und falls dann doch mal eine Schreibblockade einsetzt, wird die mit Pomelo oder Falafel bekämpft.

Die Pizza – ich träume nachts von ihr, will sie jeden Tag wieder in meine Arme schließen, mit ihr Zeit verbringen, mich an sie schmiegen. Kurzum: Die Pizza und ich haben ein besseres Liebesleben als ich es selbst auf zwischenmenschlicher Ebene habe. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass ich in einem früheren Leben eine Pizza gewesen sein muss - so viele Stunden wie ich an sie denke. Unsere gemeinsame Liebesgeschichte reicht lange zurück: Freundschaftsbücher protokollieren schon seit vielen Jahren unter dem Punkt “Lieblingsessen” meine Leidenschaft zur Pizza - diesem großen, runden Etwas, das sich in so vielen bunten Variationen auf meinem Teller ausbreitet, in meinem Bauch landet und meine Glückshormone in die Höhe treibt. Und leider auch ab und zu meinen Cholesterinspiegel. Verzichten auf Pizza? Fehlanzeige! Lieber probiere ich immer wieder neue Abwandlungen des neapolitanischen Klassikers aus. Und habe mich daher vor Kurzem an die “Pizza Bianca” gewagt, die mich auf der Speisekarte meines Lieblingsitalieners anblinzelte.

Noch nie zuvor gehört? Ich bis dato auch nicht. Habe aber kurzerhand meine Sherlock Holmes-Brille aufgesetzt und recherchiert. Das Ergebnis: Die “Pizza Bianca” steht für eine Variante des italienischen Klassikers, der “bye bye” zu sonnengreiften Tomaten sagt und den weißen Teppich für Mozzarella, Ricotta, Crème fraîche oder Frischkäse als Basis ausrollt. Bis auf den Teig als Grundlage hat diese Pizzavariante also wenig mit dem zu tun, was ich bislang von einer Pizza gewohnt war, wodurch sich mir dann doch eine Frage stellt: “Pizza Bianca” – eine Erfindung aus der Feder moderner Experimentalköche oder tatsächlich italienisches Traditionsgericht?

Gerade in Nord- und Mittelitalien, in toskanischen Gebieten und um Rom, ist die weiße Pizza nicht aus den Köpfen wegzukriegen. Die genaue Rezeptur variiert aber abhängig der Region, weswegen die “Pizza Bianca” immer wieder in zwei Interpretationsformen auftaucht. Die Toskana greift für ihre weiße Pizza zu weißer Sauce und verteilt edle Trüffelcreme auf dem Pizzaboden. In und um Rom wird die "Pizza Bianca" hingegen wörtlich mit “blanke Pizza” übersetzt und macht ihrem Namen alle Ehre: Der fladenbrotähnliche Boden wird lediglich mit Öl und Knoblauch serviert und als typisches Streetfood gereicht. Und diese Variante hat sogar Geschichte geschrieben: Den Anfang der never ending Lovestory mit dem Teigfladen machten – natürlich – die Italiener. Anders als heute gab es damals im 19. Jahrhundert aber nicht 30 verschiedene Pizzen auf der Karte, sondern lediglich drei – oder besser zwei: DiePizza Marinara mit Tomatensoße und Oregano, die römische Form der Pizza Bianca mit Öl und Knoblauch und die allseits bekannte, verehrte und beliebte “Pizza Margherita”, für deren Entstehung lediglich Marinara und Bianca eine kleine, lebenslange Liaison eingehen mussten. Wir haben also der “Pizza Bianca” mehr zu verdanken als angenommen, nämlich eine der beliebtesten Pizzen der Deutschen.

Bis auf die Base bleibt alles beim Alten: Ricotta, Crème fraîche und Co. machen die Pizza zur Pizza Bianca.

Mein Lieblingsitaliener allerdings stänkert: “Bin ich denn ein Norditaliener?” Scheint als bestünde zwischen beiden Pizzavarianten eine Rivalität, die an die Missgunst zwischen den beiden Twix-Gründern aus der Fernsehwerbung erinnert. Denn obwohl die nationale Einigung zwischen Nord- und Süditalien schon über 150 Jahre her ist, herrscht zwischen beiden Regionen nach wie vor eine Konkurrenz, die sich auch in der Kulinarik widerfindet: Der Süden galt schon immer als geschmacklich „einfacher“. Gemüse statt Fleisch, Olivenöl statt Butter, Hartweizennudeln statt frische Eiernudeln à la mamma. Eine Region, in der auch die Pizza Pomodoro – also die Pizza mit fruchtiger, knallroter Tomatensoße – erstmals serviert wurde und bis heute zu den traditionellen Lieblingen der italienischen Küche zählt. Der Kontrahent: die norditalienische Küche. Merkmale: Von Wohlstand geprägt, mit edlen Zutaten auf dem Speiseplan und kulinarisch stets experimentell erweitert durch Einflüsse aus umliegenden Regionen wie Österreich, Deutschland und Co. Kein Wunder also, dass der Norden Italiens auch für ihre Pizza auf landesuntypische Zutaten wie Frischkäse und Crème fraîche zurückgreift und solch vielfältige Geschmackskreationen auf ihrem „weißen Fladen“ schafft.

Pizza bianca patata, Pizza bianca 4 formaggi, Pizza bianca salsiccia – alles ist erlaubt! Der kulinarischen Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, solange die rote Sauce im Vorratsschränkchen bleibt. Wer sich an die Pizza ohne Tomatensoße langsam herantasten will, dem lege ich die Vollkorn-Pizzabrote mit dreierlei Käse ans Herz. Denn sind wir mal ehrlich: Käse geht immer! Apropos Käse ... Etwas ausgefallener wird es mit einer Pizza mit sahnigem Ricotta-Frischkäse und angenehm scharfen Radieschen. Und wer dann noch immer nicht genug hat, der kann mit der Pizza mit Rosenkohl- und Granatapfel-Belag die Zunge vor eine richtig kreative Genussprobe stellen.

Klar ist: Wem die klassische Pizza Pomodoro auf der Speisekarte der Trattoria um die Ecke auf Dauer zu langweilig ist, der erlebt mit der “Pizza Bianca” eine kleine Reanimation der Geschmacksknopsen. Rein geschmacklich steht die weiße Variante ihrem roten Konterpart nämlich in nichts nach. Doch welche Pizza-Variante nun die bessere, “italienischere” ist, sei mal dahingestellt. Ich entscheide mich hingegen immer wieder gerne für die neuen, ausgefallenen Dinge. Die Meinung meines Lieblingsitalieners ist aber trotzdem deutlich: “Nichts geht über die klassische Pizza mit Pomodoro” – aufgeregtes, italienisches Hand-Fuchteln inklusive.