Aus der Tonne auf den Tisch

Unfassbar viele Lebensmittel landen jedes Jahr in Deutschland im Müll. FOODBOOM-Mitarbeiterin Alisa über ihre Zeit als "Containerin", über ihre Erwartungen an die Politik – und was auch du tun kannst!

Mathias Heinze
Ein Artikel von Mathias

Low Carb, No Sugar, Veggie, Vegan ... Mathias probiert jeden Trend aus. Auf Dauer hält er aber nix von strengen Restriktionen, sondern ist überzeugt: Von allem etwas, gesünder - und leckerer - geht es nicht.

Drei beunruhigende Fakten:​

• Deutschlandweit werden jedes Jahr fast 11 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen (laut einer Untersuchung der Uni Stuttgart, 2012) .

• 61 Prozent der Lebensmittelabfälle fallen in privaten Haushalten an.

• Einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge entfallen 34 Prozent der vermeidbaren privaten Lebensmittelabfälle auf frisches Obst und Gemüse, 14 Prozent machen Brot und Backwaren aus. Je jünger der Haushaltsvorstand, desto mehr potenziell verwertbare Lebensmittel werden weggeworfen.

Vor diesem Hintergrund wollte der Hamburger Justizsenator Till Steffen von Bündnis 90/Die Grünen erwirken, dass Containern – also das Stöbern nach verwertbaren Lebensmitteln in Abfallbehältern von Supermärkten – nicht länger strafrechtlich verfolgt werden darf. O-Ton: "Es versteht kein Mensch, warum die Entnahme von Müll bestraft werden muss."

Krachend gescheitert ist er mit seinem Vorstoß. Die Versammlung aller deutschen Justizminister am 6. Juni 2019 in Lübeck, 10 davon aus CDU oder CSU, ließ ihn damit vor die Wand flitzen. Heißt: Wer heute Abend bei seinem Lidl, Netto, Rewe oder was auch immer eine Möhre aus dem Müll zieht, kann schon morgen rechtskräftig verurteilt werden.

Diese Entscheidung löste in unserem Foodboom-Team allgemeines Kopfschütteln aus. Und ganz besonders bei unserer Mitarbeiterin Alisa (26), die während ihres Studiums in Hamburg selbst containert hat – und aus ihrer Erfahrung einiges zu diesem Thema zu sagen hat:

Alisa (26), studierte Ernährungswissenschaft in Hamburg – und hat in dieser Zeit "containert"

Alisa, wie bist du zum ersten Mal mit Containern in Kontakt gekommen? Und wann hast du entschieden – das mach ich auch?

Über Freunde von Freunden, die es einfach mal ausprobiert haben und stolz ihre Ausbeute präsentiert haben. Im Anschluss hat sich eine Freundin, die mich dann auch animiert hat, bei Facebook und YouTube schlau gemacht. Die Entscheidung, selbst loszuziehen, ist tatsächlich im Kollektiv gefallen. Wie das so ist: Man sitzt zusammen und aus einer fixen Idee wird dann ein Plan.

Was waren deine Gründe, selbst zu containern?

Ganz ehrlich: Obwohl mir auch damals schon bewusst war, dass nicht nur wir zuhause, sondern auch Supermärkte unendlich viele Lebensmittel wegschmeißen, die noch genießbar sind, war es auch der „Reiz“, was Spannendes, was Neues auszuprobieren. Das erste Mal war also auch ein kleines Abenteuer. 

Erzähl mal ...

Wir waren vier Leute. Dank Facebook-Gruppen, in denen Hot Spots und Tipps geteilt werden, waren wir gut vorbereitet, hatten Beutel und Handschuhe dabei, eine Taschenlampe. Wir haben drei oder vier ganz unterschiedliche Supermärkte abgeklappert, bis wir fündig geworden sind. Natürlich entdeckt man beim Öffnen von Mülltonnen vergammelte Lebensmittel, der Geruch könnte auch schöner sein. Aber geekelt habe ich mich nicht, da bin ich wohl sehr resistent.

Hattest du ein mulmiges Gefühl, erwischt zu werden?

Oh ja, aber ich bin ein richtiger Angsthase. Gleichzeitig sorgt genau dieses mulmige Gefühl aber auch für den Adrenalin-Kick, den man beim erfolgreichen Containern erlebt. 

Bist du mal erwischt worden? 

Ich selbst nicht. Eine enge Freundin wurde einmal überrascht, aber mehr als eine Warnung wurde dabei nicht ausgesprochen. Die Hemmschwelle, danach wieder loszuziehen, war trotzdem hoch. Auch wenn Containern keine „schlimme Tat“ ist, ist es ja illegal. Letztlich überwog aber das Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Wir groß ist die Konkurrenz? Gibt es abgesteckte Claims, ähnlich wie bei den Drogenbanden?

Haha, Drogenbanden. In unterschiedlichen Facebook-Gruppen werden die Hot Spots geteilt. In fast jeder Nacht trifft man andere Leute, die erfolgreich sein wollen. Die einen sind nett, haben Lust sich auszutauschen und zu teilen. Andere wiederum bleiben für sich und sind schnell wieder weg. 

Was hast du vor allem aus dem Müll gefischt?

Obst und Gemüse! So unglaublich viel Obst und Gemüse! Kistenweise Bananen, die wir für Smoothies eingefroren haben. Oft war auch Gemüse dabei, was ich normalerweise nicht kaufen würde, zum Beispiel Rhabarber oder Rettich.

Wird man irgendwann unempfindlich und nimmt auch Sachen, die man im Laden niemals kaufen würde?

Ja, klar! Und was man selbst nicht essen möchte, kann man immer noch retten, indem man es mit Mitbewohnern, Freunden, Bekannten teilt. Meine Ernährung ist sehr pflanzlich, aber beispielsweise Joghurt, Käse o.ä, der am gleichen Tag abläuft, haben wir trotzdem mitgenommen. Es findet sich immer ein Abnehmer.

Hast du dir mal was „eingefangen“, weil du was Verdorbenes gegessen hast? 

Nope.

Was haben deine Freunde, Verwandte dazu gesagt, dass du containerst?

Ich habe das ehrlich gesagt nicht an die große Glocke gehangen. Vor ein paar Tagen sind wir in einer Gruppe mit Freunden auf das Thema gekommen und meine eine Freundin war fast schockiert, als ich von meinen Erfahrungen erzählt hab. Am Ende sind die meisten eher fasziniert, wie viele Lebensmittel man findet, die wirklich gut und genießbar sind.

Was war deine aufregendste Begegnung?

Ein Abend bleibt mir wegen der Ausbeute positiv in Erinnerung. An dem Abend schien es, als hätte Edeka (Piiiieeeep) sein gesamtes Frischeregal im Hinterhof abgeladen. In wahllosen Kisten lagen frische Pasta und Gnocchi, abgepackte pflanzliche Alternativen zu Burgerpattys, Würstchen etc. Die bedrückendste Erfahrung war ein Abend, an dem wir in einem Hinterhof eines Sky-Marktes sechs oder sieben Mülltonnen voller gefrorenem Hackfleisch fanden. Das war wirklich schockierend. 

Was wünscht du dir von der Politik im Umgang mit dem Containern? 

Ich glaube nicht, dass die Lösung darin besteht, Containern entweder zu erlauben oder zu verbieten. Ich glaube, die Lösung liegt eher darin, Supermärkte zu animieren, Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum und Frischwaren mit kleinen Makeln direkt weiter zu verteilen.

Etepetete ist beispielsweise ein tolles, junges Unternehmen, das Obst und Gemüse, welches aufgrund von vermeintlichen Makeln im Supermarkt keinen Platz findet, in Kisten verpackt direkt an den Endverbraucher vertreibt.  Auch cool ist die App TooGoodToGo. Hier bieten Bäckereien, Cafés, aber auch Restaurants und vereinzelt Supermarktketten Lebensmittel oder Gerichte zum Ende des Tages zu einem vergünstigten Preis an. Funktioniert super!

Weitere Infos

Ganz untätig ist auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nicht. Unter www.lebensmittelwertschaetzen.de findet ihr bundesweite Initiativen und Aktionen, außerdem einen Überblick, was in unseren Nachbarländern zu diesem Thema passiert. Tolle Tipps zur Abfallvermeidung findet ihr unter anderem hier: www.zugutfuerdietonne.de.