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KOLUMNE

Von dicken Oberschenkeln und hässlichem Gemüse

Wir sind kritisch. Und das ist okay. Aber was tun, wenn man feststellt, dass wir nicht nur kritisch, sondern etepetete sind? FOODBOOM-Redakteurin Alisa erzählt über die Problemzonen in der Obst- und Gemüseabteilung.

von ALISA VOLTERMANN


Der Schönheitswahn holt alle ein! Auch mich. (Meine Mama sagt immer, ich sei süß. Aber das ist schließlich ihr Job.)


Große Nase, schwabbelige Oberschenkel, kleine Bauchröllchen – irgendwas ist immer. Nicht zu vergessen mein Favorit: das Doppelkinn, das mich anstarrt, wenn beim Öffnen der Handy-Kamera ausversehen die Selfie-Kamera anspringt. Wirklich, ich erschreck mich jedes Mal! Und im Anschluss muss ich lachen. (Mein Humor ist sehr einfach.)

Um diese mickrigen Problemzonen soll es hier gar nicht gehen, denn die eigentliche Problemzone ist eine ganz andere – und die ist elf Tonnen schwer. Ja, elf Tonnen Obst und Gemüse im Wert von ca. 25 Millionen Euro bleiben in Deutschland jedes Jahr auf den Feldern liegen oder wandern von da aus direkt in die Tonne. Krumme Gurken, dicke Birnen, Möhren mit drei oder vier Beinen? Die sieht man in Supermärkten selten bis gar nicht. Auf den Laufsteg darf bekanntlich nur, was perfekt ist. Und das gilt anscheinend auch für Obst und Gemüse.

Die Suche nach Perfektion ist doch irgendwie verrückt! Wie bereits angekündigt, stolpere ich über solche Informationen und verlaufe mich im Anschluss – von Schock und Tatendrang zugleich angetrieben – gerne stundenlang im Internet. Das Ergebnis meines Obst-und-Gemüse-Google-Marathons: ein Telefondate mit Carsten.

Ja cool, und wer ist Carsten?

Carsten ist selbsternannter Gemüseretter – einer von dreien, um genau zu sein. Gemeinsam mit Christoph und Georg hat er etepetete-bio gegründet und rettet ­– wie bereits gesagt – Obst und Gemüse. Bei unserem Gespräch kann ich ihn über all das ungeliebte und vermeintlich hässliche Obst und Gemüse, das es nie in die Läden schafft, ausquetschen. 

„Am Anfang stand eigentlich nur der Gedanke irgendwas gegen Lebensmittelverschwendung zu tun. Und ungefähr ein Jahr nach der Gründung von etepetete, im Juli 2015, ging dann die erste Box raus.“ Von der elterlichen Garage aus. Easy as that! 

Eine Dokumentation über Lebensmittelverschwendung und ein Blick in die Kühlung eines Bio-Bauern im Süden Deutschlands haben den Männern gereicht, um etepetete-bio ins Leben zu rufen. Die 20 Tonnen Möhren mit zwei, drei Beinchen, kleinen Auswüchsen, ineinander verdreht, die der Bauer damals nicht verkaufen konnte, muss man doch vermarkten können. So die Idee.

Klar, mit dem Abo-Modell, das die Jungs seit mittlerweile zweieinhalb Jahren anbieten, kommt phasenweise auch der Alltagswahnsinn. Aber Langeweile? Die kommt keineswegs auf! Heute ist etepetete-bio ein erfolgreiches Logistik-Unternehmen, das von München aus deutschlandweit Boxen verschickt – mit offenbar makellosen Obst und Gemüse. Das sagt zumindest Carsten.

Wie sollte es auch anders sein, habe ich mich kurzerhand zur Jury von Germany’s next Topgemüse ernannt. (Ganz ohne Prosieben.) Ja, ich hab’ eine Kiste von etepetete ausgepackt und – surprise! – unter dem ganzen Obst und Gemüse war keines krumm, knubbelig, mutantös oder mickrig klein. Also kein bisschen hässlich! Und genau da liegt wohl das Problem. Wir sind einfach zu kritisch. Mit den dicken Oberschenkeln und dem hässlichen Gemüse. Die eine Birne erscheint vielleicht etwas pummelig, die Kartoffeln und Kiwis etwas klein, aber so what?!

Für mich ist das eine ziemlich klare Kiste: Bei etepetete hat man es tatsächlich mit Gemüserettern zu tun, die – hands on ­­– Gemüse und Obst packen. Und zwar tonnenweise! Denkt, was ihr wollt! Aber der dahintersteckende Weltverbesserungsdrang macht einen Unterschied – zumindest einen kleinen. Und bevor mir jetzt einige den Kopf abhacken: Natürlich gibt es in Deutschland auch jede Menge andere Bauern, die Öko-Kisten bis vor die Haustür bringen. Feel free to do your research!

PS: Ich muss meine kleine Kolumne in den unendlichen Weiten des Internets noch für eine Sache nutzen: Liebe Leute, bitte lacht über das Doppelkinn in der Selfie-Kamera. Es lohnt sich!